Von Protest zu Hass

Ich bin viele, ich würde gerne wissen warum?

Wenn Kinder Bedürfnisse haben, geben sie Laut. Wird dieser nicht erhört, werden sie lautstark und protestieren. Wird auch das nicht gehört, wird dieser Protest zunehmend aggressiver. Sie schreien, sie schlagen um sich, sie werfen sich auf den Boden oder Gegenstände durch den Raum. Wird ihnen statt mit Zuwendung mit Ablehnung begegnet oder haben sie gar physische Gewalt zu befürchten, unterdrücken sie ihren Protest. Weil sie Selbstausdruck immer wieder als bedrohlich erleben, beginnen sie, sich für ihre Bedürfnisse abzulehnen – und spalten sie ab. Das ist mit einer Reihe physiologischer Prozesse verbunden.

Selbstausdruck, Aggression und Wut werden an Angst gekoppelt, vom Organismus also künftig als Bedrohung empfunden. So aktiviert ein derart geschädigter Organismus fortan in Nullkommanichts alle verfügbaren Kräfte, ganz so, als müsste er etwas bekämpfen. Das Herz schlägt schneller, der Blutdruck schießt in die Höhe, die Pupillen verengen sich, alle Energie strömt in die Muskulatur, gleichzeitig werden Funktionen, die während Kampf und Flucht hinderlich sind – Verdauung und Sexualität – nur noch »notversorgt«. (Deshalb leiden Menschen mit unverarbeiteten Traumaerfahrungen sehr oft unter Problemen mit der Verdauung oder der Sexualität.)

Diese extreme Aktivierung der Energiereserven ist sehr kraftzehrend. Ein Organismus kann so einen Zustand allenfalls wenige Minuten aufrechterhalten, bevor er Schaden nimmt. Gefäße können platzen, das Herz und andere Organe versagen. Um das zu verhindern, verfügt unser Organismus über einen Abschaltmechanismus: einen Strang unseres parasympathischen Nervensystems, den man Dorsalen Vagus nennt. Er »zwingt« Herzfrequenz und Blutdruck in einen Bereich zurück, der nicht länger lebensgefährlich ist. Der Impuls zu kämpfen oder zu fliehen wird eingefroren. 

Da die Ursache aber nicht gelöst, demnach die Gefahr nicht gebannt ist, die Situation also nicht bewältigt wurde, bleibt das Nervensystem hoch erregt – ein extrem instabiler Zustand. So kommt es, dass Kinder und Erwachsene oft äußerlich sehr entspannt wirken, gleichzeitig aber unter chronischer Anspannung, Schlafstörungen und Überempfindlichkeit leiden. Entspannungsmethoden und Meditationen bleiben hier wirkungslos, ja können das Unruheerleben sogar noch verschlimmern.

Es bleibt aber nicht bei den Folgen für den Körper und das Nervensystem. Auch die Psyche muss Wege finden, mit dieser unbewältigten (Lebens-)Situation klar zu kommen. Entwicklungstrauma ist immer ein Bindungsgeschehen. Wenn Menschen uns als Kinder schlecht behandeln (Vernachlässigung, Gewalt …) müssen wir die Wut (gesunde Abwehrreaktion) unterdrücken. Sie auszuleben würde in der Regel dazu führen, dass wir noch weniger von dem bekommen, was wir eigentlich brauchen: Zuwendung, Nähe, Kontakt. Daher spalten wir diese Abwehrreaktion ab. Wir geben uns lieb und nett (»Nice-Guy-Syndrom«) und versuchen die Erwartungen zu erfüllen, die an uns gestellt werden. Damit wir das hinkriegen, müssen wir die Wahrnehmung der Gefahr ausschalten. Das, was wir sehen, hören, fühlen, spüren dürfen wir nicht mehr für wahr halten – wir geben die Einheit unserer Selbst auf. Wir leugnen die Realität und kappen die Verbindung zu unseren wahrnehmenden Organen, zu unserem Körper, zu unseren Gefühlen, zu unserem Verstand. Dafür ist es notwendig, sich selbst in Frage zu stellen – ein Teufelskreis beginnt. Die Wut potenziert sich zu Hass, und der muss erst Recht unterdrückt werden, was Lähmung nach sich ziehen kann. Oder entsprechend überschießende Reaktionen – wie man an gewaltbereiten Jugendlichen erlebt.

Nach der Spaltung

Der Begriff »Spaltung« verführt zu der Vorstellung, dass die mit dem Trauma verbundenen unerträglichen Gefühle wie Ohnmacht, Hilflosigkeit, Scham und Wut danach nicht mehr vorhanden sind. Aber das ist nicht der Fall, sie existieren weiter, nur außerhalb unserer Wahrnehmung. Zudem muss nach der »Spaltung« sehr viel Energie darauf verwendet werden, diese schmerzlichen Gefühle fortwährend aus dem Bewusstsein auszublenden. Das ist, als würde man versuchen, einen aufgeblasenen Ball fortwährend so tief unter die Wasseroberfläche gedrückt zu halten, dass ihn niemand, sieht … nicht mal wir selbst.

Das kostet nicht nur viel Kraft, sondern bindet auch viel Aufmerksamkeit und bedeutet eigentlich: Im Versuch, diese Gefühle nicht wahrzunehmen, sind wir ständig mit ihnen beschäftigt.