Was müssen wir eigentlich schützen? |

Der Therapeut schlägt vor: „Es gibt nur eine Möglichkeit, an dem Wächter vorbeizukommen: Ihn zu lieben.“

Kann das funktionieren? 

Wie vertrauenswürdig wäre ein Wächter, der seinen Posten verlässt, weil er geliebt wird? Stellt man sich das Szenario im Tresorraum einer Bank vor, wird schnell klar, dass an dem Konzept etwas nicht stimmt.

Was ist der einzige Grund, warum ein Wächter seinen Posten guten Gewissens verlassen kann? 

Wenn das, was dahinter liegt, nicht mehr geschützt werden muss.

Welche Umstände dafür notwendig sind, erkläre ich gerne aus meiner Erfahrung. Dafür muss man erstmal verstehen, was dieses Verletzliche ist, was der Wächter glaubt schützen zu müssen.

Eine gesunde Psyche ist gut gewappnet. Sie kann nur mit „Gewalteinsatz“ verletzt werden. Mobbing, Verrat, fortgesetzter emotionaler Missbrauch. Für diese Fälle können wir froh sein um einen Wächter, der uns schützt. Wenn wir uns im Alltag „verletzt“ fühlen (z.B. weil uns der Partner nicht so sieht, wie wir uns das wünschen), liegt es daran, das diese Situation uns an etwas erinnert. An ein Ereignis oder ein Grundgefühl. In diesem Fall schützt uns der Wächter davor, nicht an dieses damalige Grundgefühl erinnert zu werden. Weil er glaubt, dass wir es nicht verkraften würden. So, wie wir es damals nicht verkraftet hätten. Was ja auch der Grund ist, warum der Wächter seinen Job überhaupt erst angetreten hat.

Jetzt wird es klarer: In dem Moment, wo wir bereit sind, das zu sehen, wovor uns der Wächter schützt, wird er nicht mehr gebraucht. Dazu müssen wir hinschauen, Ja zu dieser Ur-Verletzung sagen, den Schmerz, den wir damals weggeschlossen haben annehmen, fühlen und betrauern.

Aber ich will nicht in Abrede stellen, dass dieser Therapeut mit seinem Wir-lieben-den-Wächter,-dann-kann-er-gehen-Konzept Erfolg hatte. Weil seine Klienten nicht den Wächter lieben gelernt haben, sondern den Komplex aus Wächter und Verletzlichem. Denn in dem Moment, in dem wir emotional anerkennen, dass wir Opfer waren, dass wir zutiefst verletzt wurden, müssen wir uns vor dieser Wahrheit nicht mehr schützen. Dann spüren wir zwar den Schmerz der Verletzung, aber auch alle anderen Gefühle können wieder fließen und der Wächter wird nicht mehr gebraucht.

((Foto © von Adam Cuerden, Detroit Publishing Company (http://www.loc.gov/pictures/item/2002696943/) [Public domain], via Wikimedia Commons))

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