Über den tieferen Sinn von Psychotrauma |

Der in Montreal tätige Neurobiologe Michael Meaney erhielt am 5. Dezember 2014 den Forscherpreis der Zürcher Jacobs Foundation, einen der höchstdotierten Auszeichnungen seiner Art. In diesem Zusammenhang gab er der Neuen Zürcher Zeitung ein Interview, in dem er seine wesentlichen Erkenntnisse darlegt. Darin fand ich die Antwort auf eine Frage, die mich schon lange beschäftigt: Warum heilt Psychotrauma nicht ähnlich wie eine Schnittwunde oder ein Knochenbruch? Anders gefragt: Was ist der biologische Sinn von Traumatisierungen? Hier seine Antwort:

Grundsätzlich geht es bei jedem Lebewesen erstens ums Überleben und zweitens um die Fortpflanzung. Aus evolutionsbiologischer Sicht bedeutet eine feindselige Umgebung entweder viele Fressfeinde, wenig Nahrung oder viele Infektionen. In einem solchen Umfeld ist eine starke Stressreaktion von Vorteil, da sie die Überlebenschancen verbessert. So erhöht sie einerseits die Schreckhaftigkeit und damit die Fähigkeit, rasch die Flucht zu ergreifen. Und andererseits erlaubt sie es, Hungerzeiten und Infektionen besser zu überstehen. Denn die Stresshormone verringern das Risiko, dass eine schwere bakterielle Infektion in einen septischen Schock [eine oft tödlich endende Blutvergiftung] mündet. Umgekehrt reagieren Personen, bei denen bakterielle Infektionen einen septischen Schock auslösen, oft ausgesprochen unempfindlich auf Stresshormone. Daraus kann man folgern: Erhalten Kinder von ihrer Mutter wenig Nestwärme, werden sie auf eine gefahrvolle Zukunft mit verminderter Überlebenswahrscheinlichkeit vorbereitet. Das Ausmass an Stress, dem die Mutter ausgesetzt ist, bestimmt somit die Qualität der Kindererziehung, und zwar gleichermassen bei Mensch und Tier. Strapaziöse Umweltbedingungen hindern die Mutter daran, sich um ihren Nachwuchs zu kümmern. Damit signalisiert sie ihren Kindern, natürlich unbewusst, dass sie sich auf eine wenig behagliche Zukunft einstellen müssen.

Michael Meaney, Neurobiologe an der McGill University, Montreal in seinem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung vom 5.12.2014: „Mütterliche Zuwendung mildert die Stressempfindlichkeit.“

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