Sabine Rennefanz |

„Ich habe etwas über deinen Großvater herausgefunden“, lässt Autorin Sabine Rennefanz ihre Mutter am Anfang ihres neuesten Werkes Die Mutter meiner Mutter flüstern, verrät aber nicht, was sie herausgefunden haben will. Sodass dem Leser, will er das Geheimnis ergründen, nichts anderes übrig bleibt, als weiterzulesen. Mit Hilfe dieses Aufhängers, einem Ereignis, das lange zurückliegt und ferner nicht sein könnte, strickt die Enkelin die Biografien der Frauen in den Generationen vor ihr zusammen. So sehr, dass man manchmal nicht sicher ist, von welcher sie gerade erzählt – die Biografien bestimmen einander, die eine wäre ohne die andere nicht denkbar. 

„Wenn ich abends nach Hause komme“, schreibt die Autorin über sich selbst, „schaue ich hinter Türen und unter das Bett. Ich schließe hinter mir die Wohnungstür ab und stelle einen Stuhl davor. Ich habe diese Routine verinnerlicht. Lange habe ich gedacht, meine Angst käme daher, dass ich der Großstadt nicht gewachsen sei, weil ich in einem kleinen Dorf behütet groß geworden bin. 
Erst jetzt verstehe ich, dass es ein Erbstück unserer Familie ist, diese Angst, die von einer Tochter zur nächsten vererbt wird.“

Die fern gewähnte Vergangenheit lebt im Heute weiter. 

Manche Episode beginnt humorvoll – „Andere Mütter träumen von Windsor Castle oder dem Taj Mahal, meine Mutter will nach Auschwitz …“ – führt dann aber schnell in die Tiefe: „Dahinter steckte auch ein Abwehrmechanismus: Im Vergleich zum Holocaust erscheint die Brutalität in den Beziehungen zwischen Männern und Frauen nach dem Krieg harmlos.“

An anderen Stellen fehlt dieser Blick, z.B. wenn die Enkelin glaubt: „Meine Mutter wird sich daran erinnern, wie scharf, fast wütend ihre Mutter ihren Mann in Schutz nahm. Allen hat sie gesagt, wie schwach und krank er war, schon zu Lebzeiten, bis sie es endlich selbst glaubte. Ihre Wut verpackte sie in Mitleid, vielleicht, weil sie sie nur so ertrug. Sie deckte den Täter, um die Töchter zu schützen.“ 

Die Enkelin versteht noch nicht, dass genau der vermeintliche Täterschutz Ängste von Generation zu Generation weiterträgt, dass Vergebung, Versöhnung, Verzeihen und Vergessen nichts beenden, sondern aufrechterhalten. Der Schlaganfall am Lebensende der Großmutter ist daher nur konsequent: „Nachdem meine Mutter das Geheimnis ihrer Mutter herausgefunden hat, bekommt die Mutter meiner Mutter einen schweren Schlaganfall. Als wolle ihr Gehirn mitteilen: Ich will nicht mehr, keine Fragen, Schluss, aus, ich schalte mich selbst ab. Genauer gesagt funktioniert ihre linke Gehirnhälfte, dort wo Logik, Erinnerung und analytisches Denken sitzen, nicht mehr.“ 

Wie so vielen alten Menschen, denen die Möglichkeit, Trauma anzuerkennen und zu integrieren nicht gegönnt war, zieht auch die Großmutter das fast schon finale Überlebensregister: Die völlige Abspaltung des Psychotraumas durch einen Schlaganfall. Mit den Konsequenzen schlagen sich dann die Enkel herum …

 

Sabine Rennefanz schafft es, sexuelles Trauma literarisch wirken zu lassen. Die Mutter meiner Mutter liest sich wie ein Roman, dabei sind das einzig Fiktive daran die Namen der Protagonisten.

Welche Bindungskraft von sexueller Gewalt ausgeht und welche Folgen sie in die nächsten Generationen hineinträgt, dokumentiert die Autorin auf beeindruckend glaubwürdige Weise in einem kleinen Abschnitt, der das Ausmaß der Gespaltenheit in sich trägt: „Der wichtigste Rat, den mir meine Mutter jemals gegeben hat, ging so: Heirate niemals und bekomme keine Kinder, bleib allein, unabhängig. Das ist das Einzige, was ich in meinem Leben gelernt habe. Ich möchte, dass du nicht die gleichen Fehler machst wie ich.
So sagte sie es mir an meinem achtzehnten Geburtstag. Ich bin ihr für diesen Rat bis heute dankbar.“

Sabine Rennefanz: Die Mutter meiner Mutter, Luchterhand, 252 Seiten.

 

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