Gedanken über den Freitod |

"24 & ready to die" (24 & bereit zu sterben)", heißt das gut 21-minütige Video, das THE ECONOMIST gedreht hat. Es will für den assistierten Freitod werben. Und das tut es anhand eines Beispiels aus Belgien. Die 24-jährige Emily will endlich sterben. Sie erzählt vor der Kamera von Dämonen hinter den Rippen, die sie nur zähmen kann, indem sie sich selbst verletzt. Schon mit drei Jahren hatte sie zum ersten Mal das Gefühl, "Ich will hier nicht sein". Als Beweis hält sie ihre Arme in die Kamera. Zerschnitten, verbunden … Autoaggression.

Sie wird seit zwei Jahren von drei Ärzten begleitet, immer wieder nach ihren Perspektiven befragt. Eine Ärztin vergleicht den Gemütszustand von Emily mit Krebs. Nur dass man den eben nicht mit einem Röntgenbild sichtbar machen könne. Warum jemand auf die Idee kommt, Aggression gegen sich selbst zu richten, das erklärt sie nicht. Oder wie ein gesunder Abwehrimpuls pervertiert wird. Auch Emily wird nicht ein Mal danach gefragt. Nicht, ob sie ein gewolltes Kind war, ob ihre Mutter sie gerne ausgetragen hat, ob sie in Liebe gezeugt und empfangen wurde.

Ich begleite mehrere Menschen mit ähnlichen "Symptomen": chronische Selbstmordgedanken, lavierter Selbstmord, massive Selbstverletzungen. Bei allen zeigen sich frühe Gewalterfahrungen, massive Gewalterfahrungen: Abtreibungsversuche, Mordversuche, zerstörerische Aggression. Sie tragen die Kernüberzeugung in sich "Ich soll nicht sein. Ich darf nicht sein. Ich breche ein Tabu, wenn ich bin …" 

Im Falle eines Angriffs setzt der Körper Hormone frei (Adrenalin und Cortisol), um den Täter abzuwehren. Ist das nicht möglich (weil man zu klein, die Täter übermächtig oder schlichtweg die Eltern sind), muss dieser gesunde Impuls unterdrückt oder sogar komplett abgespalten werden. Ist die Unterdrückung heftig genug, wird die Aggression lange genug massiv unterdrückt, wendet sie sich irgendwann gegen einen selbst: Drogenmissbrauch, Risikosexualität, selbstverletztendes Verhalten, das alles und viel mehr kann die Folge sein.

Erst heute sagte ein Klient: "Wenn ich anerkennen würde, dass meine Mutter mich so abgrundtief gehasst hat, müsste ich mir das Leben nehmen."

Ich kenne Emily nicht. Ich weiß nicht, wie die Ärzte sie begleitet haben. Aber wenn wir über assistierten Freitod sprechen, wünsche ich mir, dass die Ärzte in Psychotrauma geschult sind. Sodass sie unterscheiden können, ob der Mensch sich selbst töten will, oder ob es Täterintrojekte in ihm sind, die ihn zu diesem Selbstmord treiben. Alles andere ist Wahnsinn.

Hier geht's zum Video: 24 & ready to die".

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