Besatzungskinder |

Es ist kaum vorstellbar, was die Autorin Sonya Winterberg in ihrem neuen Buch alles zusammengetragen hat: Da wurden Besatzungskinder (also kleine Wesen, die nach dem Krieg meist nur aus kurz währender "Liebe" zwischen Soldaten und deutschen Frauen entstanden) ins Ausland verfrachtet und in Familien hineingegeben, die diesen Kinder Schlimmstes angetan haben. Am unverdaulichsten war für mich die Geschichte der Iben Dressel (S. 81 ff), die als eins von elf solcher Kinder in einer dänischen Familie landete. Der "Vater", ein Kinderpsychiater (!), versorgte die emotional instabile Ehefrau mit Drogen und lehrte sie, ihre Wut an den Kindern auszulassen. Erst als zwei Kinder tot waren, begannen sich die Behörden für den Fall zu interessieren. 

Besonders beeindruckend war für mich zu lesen, dass Adoptiv"kinder", obwohl längst erwachsen, immer noch ihre Eltern suchen. Es scheint eine Frage der Identität zu sein. Als der Dichter und Journalist Ulrich Schacht im Alter von 48 Jahren zum ersten Mal seinen leiblichen Vater umarmt, beschreibt er diese Erfahrung als "Urknall der Gefühle". "Man merkt in diesem Moment, dass man aufgeht in vollkommender Übereinstimmung mit einem Wesen, aus dem heraus man vorher schon existiert hat. Es ist eine Art Wiedervereinigung mit dem genetischen Ausgangspunkt."

Lesenswert! Sonya Winterberg, Besatzungskinder - Die vergessene Generation nach 1945, Rotbuch.de.

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